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Theaterbühnen > Theatermusical > Archiv > Projekt 04/05 > Geschichte

Elisabeth S.

...in der historischen Quelle!

Aus: Mitteilungsblatt zur rheinhessischen Landeskunde; Themenheft Bodenheim, Jahrgang 3 - 2001, Helmut Schmahl

...Zu welchen Spannungen es angesichts des wachsenden Pauperismus auch in Bodenheim kam, wird aus einem Vorfall des Jahres 1857 deutlich. Im April des Jahres wurde Elisabetha S. auf einem zwischen Mainz und Bingen verkehrenden Dampfboot aufgegriffen und in ihre Heimatgemeinde zurückgebracht. Dies geschah auf Veranlassung des Bodenheimer Bürgermeisters, der befürchtete, sie wolle unter Zurücklassung ihrer drei unehelichen Kinder im Alter von 7, 4 und 2 Jahren heimlich nach Amerika auswandern, um sich ihrer Unterhaltsverpflichtungen zu entziehen. Bei einem Verhör auf dem Mainzer Polizeikommissariat äusserte S., dass es ihr nie in den Sinn gekommen wäre ihre Kinder nicht zu verlassen, wenn ihr Martin Haupt, der Pflegevater ihrer zwei jüngsten Kinder nicht mitgeteilt hätte, dass das Gemeinderatsmitglied David J. von Bodenheim in der Brandweinschenke von Valentin Sauer geäussert hätte, sie solle nur heimlich nach Amerika auswandern, dann würden ihre Kinder schon durch den Staat ernährt werden. Das Kreisamt Oppenheim sprach J. hierfür eine Rüge aus. Dieser gab unumwunden zu, öffentlich geäussert zu haben: wann sie nur schon fort were, fügte noch hinzu, er habe dies mit der Verwünschung wenn sie nur beim Teufel were bekräftigt. Er habe jedoch die Frau und ihre Kinder gemeint. Zu dieser Aussage stehe er, weil er durch seinen vieljährigen Dienste im Gemeinderath die Ueberzeugung gewonnen habe, was diese Classe der Gemeinde und dem Staat für Kosten verursacht. Nie sei es ihm in den Sinn gekommen, ihr den Rat zu geben, dass sie ihre Kinder da lassen und sich heimlich entfernen soll. Wohl gewarnt durch Fälle wie diesen schärfte das Kreisamt Oppenheim 1867 dem Bodenheimer Ortsvorstand ein, der Ackersmann Heinrich K. III. dürfe nur auswandern, wenn sichergestellt sei, dass seine minderjährigen Familienmitglieder mitnehme...

...im Theaterstück!
Da diese Geschichte eine so kompakte Anekdote ist, wurde sie mit ins Stück aufgenommen. Aus darstellenden Gründen wurden allerdings kleine Veränderungen vorgenommen. Der eigentliche Pflegevater Martin Haupt wurde gestrichen und dem Gemeinderatsmitglied David J. zugesprochen. Da die Gemeinderatsmitglieder zur wohlhabenden Schicht der Gesellschaft gehörten, war es nicht ganz ungewöhnlich, dass diese auch die Pflegeschaft für Minderjährige bekamen. Das Verhör auf dem Mainzer Polizeikommissariat übernimmt der “Dorf-Polizist” und anstelle von drei unehelichen Kindern, hat die Elisabeth im Stück nur einen Sohn.


Bürgermeister Johann Sauer

...im Theaterstück!
Der Bodenheimer Bürgermeister Johann Sauer ärgert sich darüber, dass die reiche Bevölkerung nach Amerika auswandert, schliesslich ist dies die Klasse von Menschen, die die Gemeinde braucht . Die arme Bevölkerung möchte er nach Amerika abschieben. Schliesslich wäre das ja das Beste für die Gemeinde. Zusammen mit seinen beiden Gemeinderatsmitgliedern überlegt er, wie dies anzustellen sei. Guntersblum spielt dabei eine Schlüsselrolle und so beschliesst der Bürgermeister: “Was die Guntersblumer könne, könne mir schliesslich schun long! ...Ohne mir was oizubilde, aber mir Bodenumer sin schun die Besde vun gonz Roihesse!”

...in der Historie!
Wie andere rheinhessische Gemeinden begrüßte auch der Bodenheimer Ortsvorstand die Wegzüge von Unbemittelten. So befürwortete der Bürgermeister 1856 die Auswanderung des 14-jährigen Waisenknaben Johann Becker, weil es “wohl im Interessen sein für den Staat und die Gemeinde Bodenheim, wenn dem ersuchen hochgütigst und baldmöglichst willfahrt werden könnte, indem auch die Mutter Schwester des oben genannten Mündels nächster Tage schon ihre Reise nach Amerika antretten will”. ...
...In der Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich zahlreiche Zeitgenossen mit der Frage nach den Hauptursachen der Auswanderung. Die meisten Beobachter machten das rasche Bevölkerungswachstum, sowie die damit einhergehende Verarmung breiter Volksschichten - vornehm als Pauperismus bezeichnet - hierfür verantwortlich. Der Nieder-Saulheimer Bürgermeister Johannes Neeb kam jedoch 1843 zu einem anderen Ergebnis. Für ihn war die “zunehmende Sucht, nach Amerika auszuwandern [...] meistens Folge trügerischer Berichte aus Amerika von dahin Eingewanderten, oder einer durch überreizte Phantasie gesteigerten Unzufriedenheit mit einer Lage, in der sich viele andere Einwohner von nüchterer Ueberlegung glückselig finden würden. Weiter bedauerte er, dass der breite Canal und die theure Ueberfahrt die Hefe des Pöbels zurückhält, sich dahin auszuspeien, wo sie in einer dünner bewohnten Welt Gelegenheit finden würden, fauler, diebischer und lüderlicher zu seyn, als sie in Rheinhessen Raum hat”.
...1855 bemerkte der Bodenheimer Bürgermeister in seinem Volkszählungsbericht, es hätten sich durch die seit den drei verflossenen Jahren zugenommene Auswanderungslust [...] viele theils mit und theils ohne Dimisseralien (=Entlassungspapiere) aus der Gemeinde entfernt!...

...die Auswanderungsdichte der Gemeinden im Norden des Kantons Oppenheim war wesentlich geringer als im Süden. Dort waren Wegzüge so häufig, dass sie mancherorts zu einem Bevölkerungsrückgang führten. Am stärksten war Guntersblum betroffen, dessen Einwohnerzahl zwischen 1834 und 1871 um ein Viertel zurückging (2629 auf 1951 Einwohner)....

Aus: Mitteilungsblatt zur rheinhessischen Landeskunde; Themenheft Bodenheim, Jahrgang 3 - 2001, Helmut Schmahl

Der Antrag

Dass meist wirtschaftliche Gründe für die Auswanderung ausschlaggebend waren, wird aus zahlreichen Gesuchen deutlich, in denen die Antragsteller ihre persönlichen Verhältnisse darlegten. Viele gaben an, zunächst bei Verwandten unterkommen zu wollen. Typisch war folgendes Schreiben aus dem Jahr 1883:

Es erscheint vor mit dem Großh. Bürgermeister Schöller zu Bodenheim der Winzer und Taglöhner Johann Hedderich, geboren den 21ten 1857 zu Bodenheim, wohnhaft daselbst, und macht folgende Erklärung: Mein Heimathsort Bodenheim beabsichtige ich für immer zu verlassen um in New York (Amerika) mir eine Existenz zu gründen und dort hin auszuwandern. Bei meinen Eltern Jacob Hedderich Weinbergsmann und meiner Mutter Barbara geb. Kirch, habe ich keine Arbeit und der Verdienst als Tagelöhner in Bodenheim ist zu gering, um sich etwas erwerben zu können, und möchte aus diesen Gründen die Staatsangehörigkeit im Großh. Hessen aufgeben. In New York habe ich Verwanden zu denen ich zu gehen beabsichtige, und werde dort ein Unterkommen finden. Indem ich beifolgend meinen Militärpaß beifüge, ersuche Großh. Kreisamt mir gütigst, einen Auswanderungspaß auszuhändigen. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben Joh. Hedderich.

Aus: Mitteilungsblatt zur rheinhessischen Landeskunde; Themenheft Bodenheim, Jahrgang 3 - 2001, Helmut Schmahl

Familie Hedderich

...im Stück!
Heinz Hedderich ist Großgrundbesitzer und ein wohlhabender Mann. Obwohl er vermögend ist, will er nach Amerika auswandern, um seinen Kindern eine bessere Zukunft zu sichern bzw. damit sie ihren Lebensstandart halten können. Seine Frau Hedwig Hedderich hält sich für “die Schönste von ganz Rheinhessen” und wirkt mit dieser Einstellung arrogant. Als die Hedderich’s erfahren, dass die Deister wohl mit Ihnen auf dem gleichen Schiff nach Amerika fahren, kommt es zum Eklat. “Isch fahr net mit dem Bagasch uff oam Schiff nooch Amerika!” - Fraa, jetzt stell disch net so oh! Des Schiff is groß, do passe 200 Leit druff un mir fahrn joo erster Klasse! Des kenne die Deister’s sich bestimmt net leiste!”
Auch diese Familiengeschichte wurde im Stück aus verschiedenen einzelnen his. Berichten kreiert!

... in der Historie!
Angst vor dem Absinken in die Armut war angesichts des Bevölkerungswachstums und einhergehenden Arbeitsmangels und Landknappheit weit verbreitet. Dies wird aus einem Bericht der Kölner Zeitung von 1847 deutlich, wo ein rheinhessischer Bauer, der für seinen Besitz 12.000 Gulden erzielt hatte, auf die Frage nach den Gründen seiner Auswanderung antwortete: “Ich kann zwar für einen bemittelten Mann gelten, aber ich habe neun Kinder. Nach meinem Tode würden auf jedes derselben nicht einmal 1500 Gulden kommen, womit sie hier zu Lande zu den Unbemittelten gehören und nicht hoffen könnten, so viel zu erwerben, um ohne drückende Sorgen zu leben. Ich ziehe es also vor, mit dem , was ich hier noch zu retten vermag, nach Nordamerika zu gehen, dort für die Meinigen ein großes Heimwesen mit verhältnißmäßig geringer Ausgabe zu erwerben und all den Meinigen eine sorgenfreie Zukunft zu bereiten....

Aus: Mitteilungsblatt zur rheinhessischen Landeskunde; Themenheft Bodenheim, Jahrgang 3 - 2001, Helmut Schmahl


Familie Deister

...im Stück!
Die Familie Deister ist eine der “Unterschicht-Familien”! Jakob Deister ist Schmied und Tagelöhner, findet aber keine Arbeit und dies mit sechs Kindern, wobei aus darstellerischen Gründen nur drei auf der Bühne zu sehen sind. Sein Bruder, Johann Deister ist mit 10 Kindern bereits ausgewandert und berichtet über den Postweg von paradiesischen Verhältnissen.Die Äcker sind vom Rheinhochwasser überschwemmt und die Ernte somit zunichte. Hinzu kommt, dass sie hoch verschuldet sind. Es gibt eigentlich keine finanzielle Möglichkeit nach Amerika auszuwandern, ausser die Flucht über Nacht. Dennoch bittet er beim Bürgermeister Johann Sauer, um Bezahlung der Überfahrt und der Schulden, um nach Amerika auswandern zu können! (his. Antrag zur Auswanderung siehe “Der Antrag”) Die Familiengeschichte wurde aus verschiedenen Berichten zusammenkreiert!


... in der Historie!
Von allgemeinem Wohlstand konnte auch in den kommenden Jahrzehnten nicht die Rede sein. Viele Kleinbauern waren auf Nebenverdienste als Tagelöhner oder Handwerker angewiesen...

...Häufig war die Landwirtschaft von Mißernten betroffen, wie etwa in der europaweiten Krise von 1845-47. In den Gemeinden am Rhein war die Situation besonders schlimm, denn sie wurden zusätzlich vom Hochwasser heimgesucht...was sich verheerend vor allem auf Angehörige der ärmeren Bevölkerungsschichten auswirkte, denn diese waren als Pächter auf Erträge ihrer Felder besonders dringend angewiesen...

....Meist handelte es sich bei den in den Akten genannten Personen um Eltern und ihre Kinder, aber auch Großerltern und ledige Verwandte waren oft beteiligt. Im Schnitt umfassten die Bodenheimer Gruppen 5,3 Personen.
Am grössten waren die Familien des Ackersmann Johann Deister, der 1855 mit Ehefrau und 10 Kindern wegzog, sowie des Schmiedemeisters Jakob Deister, der 1866 mit seiner Frau und 6 Kindern nach Nordamerika übersiedelte...

...der Schuhmachergeselle Anton B. hatte im März 1852 ein Gesuch um Gewährung des Reisegeldes beim Gemeinderat gestellt. Dessen größte Sorge war eine spätere Rückkehr B.s nach Bodenheim. Daher erkundigte man sich bei der Regierungskommission in Mainz, wie dies zu verhindern sei. Diese riet, die Gemeinde solle den Reisevertrag direkt mit dem Schiffahrtsagenten schliessen und das Dokument dem Bittsteller erst auf dem Schiff aushändigen, um einen Missbrauch durch Weiterveräusserung zu verhindern...

Aus: Mitteilungsblatt zur rheinhessischen Landeskunde; Themenheft Bodenheim, Jahrgang 3 - 2001, Helmut Schmahl


 
 
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